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Der Thomanerchor ist ein weltweit bekannter Knabenchor in Leipzig. Er wurde auf Initiative des Markgrafs Dietrich von Meißen im Jahr 1212 noch unter Kaiser Otto IV. zusammen mit der Thomasschule und der Thomaskirche gegründet. Er gehörte damals zum Augustiner-Chorherrenstift des Klosters St. Thomas in Leipzig. Die Bekanntheit des Thomanerchors als einer der ältesten Chöre überhaupt gründet sich auch auf der Leitung durch viele bekannte Musiker und Komponisten, darunter ab dem Jahr 1723 Johann Sebastian Bach. Der Chor besteht aus etwa 100 Jungen im Alter von 9 bis 18 Jahren. Die Thomaner wohnen im Internat, dem Thomasalumnat, und besuchen die Thomasschule, ein Gymnasium mit sprachlichem Profil und vertieft musischer Ausbildung. Gefördert wird er seit 2002 vom Förderverein Forum Thomanum.

Geschichte Bearbeiten

Der Markgraf von Meißen veranlasste im Jahr 1212 die Gründung des Augustiner-Chorherrenstiftes zu St. Thomas. Zum Stift gehörte eine Klosterschule, die geistlichen Nachwuchs heranbilden sollte, bald aber auch Knaben zugänglich wurde, die nicht im Stift wohnten. Seit der Einführung der Reformation 1539 in Leipzig wird der Chor von der Stadt Leipzig getragen. Er ist damit die älteste kulturelle Einrichtung der Stadt.

Der Thomanerchor zur Zeit BachsBearbeiten

Der Thomanerchor bestand zu Lebzeiten Johann Sebastian Bachs aus rund 55 Schülern, die auf vier Chöre verteilt gemeinsam mit den Stadtpfeifern und einigen Kunstgeigern die Kirchenmusik in der Nikolaikirche, Thomaskirche, Neuen Kirche sowie der Petri- und Johanniskirche versehen mußten. Neben den Gesangspartien wirkten die Schüler auch als Streicher mit. Nach neueren Forschungsergebnissen von Joshua Rifkin und Andrew Parrott waren die Chorstimmen in der Regel einfach besetzt. Bachs eigene Werke wurden vornehmlich von der ersten Kantorei ausgeführt. Das Repertoire der anderen Kantoreien, welche unter der Leitung von Präfekten standen, bestand aus leichteren Kantaten und Motetten anderer Komponisten. Die vierte Chorgruppe beschränkte sich auf einfache Liedsätze.[1] An den Wochentagen wurden die Schüler in je 6 Wochenkantoreien zu 8 Sängern eingeteilt, welche zu den Frühgottesdiensten wechselweise in der Thomas- und Nikolaikirche sangen. Geleitet wurden diese Kantoreien durch Chorpräfekten vom Cembalo aus. Zur Unterstützung des Basses wurde ein Kontrabaß hinzugezogen. Auf dem Programm standen in der Regel Motteten aus dem Florilegium Portense von Eberhard Bodenschatz. Das Florilegium Portense bestand aus vorwiegend achtstimmigen lateinischen Motetten und war in neun Stimmbüchern (mit Generalbaßstimme) herausgegeben.[2] Nach dem Tod dieses berühmtesten Thomaskantors folgten im Kantorat bedeutende Persönlichkeiten wie Johann Friedrich Doles, Johann Adam Hiller und Moritz Hauptmann.

Gegen Ende des 19. Jh. wurde die Thomasschule neben der Thomaskirche abgerissen, und der Thomanerchor zog in die Hillerstraße im heutigen Leipziger „Musikviertel“ um.

Geschichte ab 1920 Bearbeiten

Seit den 1920er Jahren unternahm der Thomanerchor sehr erfolgreiche Reisen ins Ausland, die teilweise auch von dem damaligen Thomaskantor Karl Straube initiiert wurden, anfänglich jedoch nur durch Europa führten. In der Zeit des Nationalsozialismus wurde der Thomanerchor 1937 in die Hitlerjugend eingegliedert. Es gelang Straube und seinem Nachfolger Günther Ramin jedoch, nationalsozialistisches Gedankengut so weit wie möglich vom Chor fernzuhalten, und zwar gerade auch aus dem Repertoire des Chores, indem sich vor allem Ramin schon früh nach seinem Amtsantritt 1939 auf das geistliche Programm des Chors spezialisierte. Der 1941 unternommene Versuch, den Thomanerchor im Musischen Gymnasium Leipzig aufgehen zu lassen, scheiterte aus unterschiedlichen Gründen. Gegen Ende des Krieges versuchte Ramin, die zwangsweise Einziehung zur Wehrmacht für die Thomaner so lange wie möglich hinauszuzögern, mit der Begründung, sonst bliebe die Singfähigkeit nicht erhalten. Weiterhin zählt zu den Leistungen dieser beiden Kantoren die starke Neuaufbereitung der Bachpflege, die durch Straube begonnen und von Ramin weitergeführt wurde.

Geschichte ab 1945 Bearbeiten

In den Zeiten der DDR wurden einige sehr bedeutende Schallplattenaufnahmen getätigt, herausragend v.a. die Aufnahmen der Bachschen Kantaten unter Hans-Joachim Rotzsch in den 70er Jahren. Rotzsch trat 1991 zurück, nachdem seine IM-Tätigkeit für die Staatssicherheit bekannt wurde.[3] Seit 1992 leitet Georg Christoph Biller den Chor, als 16. Thomaskantor nach Bach. Mit dem „Forum Thomanum“ möchte er langfristig die Zukunft und Qualität des Chores sichern, und gleichzeitig die Thomasschule Leipzig als international führende Schule mit Schwerpunkt Musik etablieren.

Beschreibung Bearbeiten

Traditionell stehen im Zentrum der Arbeit des Chores die Vokalwerke von Johann Sebastian Bach; das Repertoire berührt jedoch die geistliche und weltliche Literatur praktisch aller Epochen von der Renaissance bis zur Moderne. Der Leiter des Thomanerchores Georg Christoph Biller ist der 16. Thomaskantor nach Johann Sebastian Bach.

Derzeit entsteht als Begegnungsstätte im Leipziger Bachviertel das Forum Thomanum. Mit inbegriffen in das Forum sind die Lutherkirche, Thomasschule, Internat, Grundschule, Jugendherberge, Kindergarten, Verwaltungsgebäude, Probengebäude und eine unterirdische Turnhalle. Entsprechend der Konzeption zum Forum Thomanum soll es neben den Bauvorhaben auch wesentliche Veränderungen im Erziehungssystem geben.

Der Thomanerchor ist neben seiner regen Konzerttätigkeit in ganz Deutschland (mindestens 2 große Deutschlandreisen im Jahr) und seinen Auslandsreisen noch dreimal in der Woche in der Thomaskirche verpflichtet. Immer freitags 18 Uhr und samstags 15 Uhr musiziert der Thomanerchor in den Motetten in der Thomaskirche. Sonntags singt er um 9:30 Uhr im Gottesdienst. In den Ferien haben die Thomaner frei. Zu den Hochfesten der evangelischen Kirche singt der Thomanerchor auch. Der Eintritt für eine Motette kostet zwei Euro. Für Kinder und Inhaber eines Leipzig-Passes ist die Motette kostenlos.

Leben und Erziehung Bearbeiten

In letzter Zeit wird in der pädagogischen Diskussion der Bundesrepublik immer wieder betont, dass die Erziehung vor allem durch persönliche und gesellschaftliche Werte geprägt sein muss. Das chorische Zusammenleben der Thomaner erfüllt durch die Heranführung an eine strukturierte Tagesplanung, die lebendige Pflege des reichen musikalischen Erbes und einem sich entwickelnden Verantwortungsgefühl in der Gemeinschaft der Thomaner diesen Anspruch. Das Einhalten der gemeinsam erarbeiteten Hausordnung ist eine wichtige Bedingung für das Gefühl der Zusammengehörigkeit der Sänger unterschiedlichen Alters. Das gemeinsame Musizieren, Erarbeiten und Erleben der Musik schafft dabei eine zusätzliche Bande. Die aktiven Thomaner und deren Eltern nehmen jeweils durch ihre Vertretungen (Alumnatsrat und Thomasserrat) am erzieherischen Werdegang des Chores intensiv teil und besprechen mit dem pädagogischen Personal Probleme, Wünsche und Meinungen. In einer Elterninitiative werden außerdem die für das Jubiläumsjahr 2012 (800 Jahre Thomanerchor, Thomasschule und Thomaskirche) anstehenden baulichen und personellen Veränderungen (Verbesserungen) begleitet und teilweise mit initiiert.

Die 91 Mitglieder des Thomanerchores wohnen im Alumnat in der Leipziger Hillerstraße. Die Thomaner sind nicht klassenweise untergebracht, sondern gemischt in den so genannten Stuben. Eine solche Stube stellt nicht nur eine Räumlichkeit, sondern vielmehr eine administrative Einheit mit geschlossener Hierarchie und klarer Aufgabenverteilung dar. Dabei lebt immer ein Älterer mit mehreren Kleineren zusammen in einem Raum. Somit wird zu diesem Älteren ein hierarchisch und erzieherisch angelegtes Vertrauensverhältnis angestrebt. Die Erziehung im Thomanerchor erfolgt somit vorrangig durch die älteren Mitglieder und weniger durch die dortigen Erzieher (Diensthabende Inspektoren). So ist es möglich, dass über 90 Jugendliche unter einem Dach wohnen und nur von jeweils einem der insgesamt fünf Erzieher beaufsichtigt werden. Die Stuben werden jährlich neu verteilt, um die altersmäßige Struktur der Stuben zu erhalten, aber auch sozial Einfluss nehmen zu können.

In den Stuben selbst befinden sich nur die Köten (ein abschließbarer Schrank mit Safe und Oberköte (nicht abschließbarer Bereich oberhalb der eigentlichen Köte)) und ein Tisch für jeden. Daneben gibt es in den Stuben noch andere Möbelstücke und Ausrüstungsstücke, so z.B. Ranzenschränke, Bücher- und Zeitungsregale, Radios, Pflanzen und Stühle. Fernseher oder Computer gibt es jedoch nicht in den einzelnen Stuben. Die Betten sind eine Etage über dem „Wohnungstrakt“ in den Schlafsälen angesiedelt. Ein Schlafsaal bietet 4 bis 10 Jugendlichen einen Schlafplatz.

Das Internat ist weiterhin mit einer Turnhalle, einem Probensaal und einem Speisesaal ausgestattet. Zudem gibt es eine Nähstube für die Konzertanzüge, ein Archiv, einen „Mitarbeitertrakt“, Proberäume, einen Bandraum, ein Modelleisenbahnzimmer, einen Fitnessraum, einen Aufenthaltsraum für die Obernschaftler, ein Zimmer für die „Schülerzeitung“ des Thomanerchors (das Kastenjournal), eine Sauna, eine Bibliothek mit Computerstationen inklusive Internetzugang, eine Krankenstube mit 4 isolierten Betten, einen Fernsehraum und noch andere alltäglich benötigte Räume: ein Waschsaal, Toiletten sowie 2 Duschräume.

Auszeichnungen Bearbeiten

Bekannte ehemalige Thomaner Bearbeiten

Ensembles ehemaliger Thomaner Bearbeiten

Filmographie Bearbeiten

Porträts
Hintergrund

Literatur Bearbeiten

  • Thomas Schaufuß: Das Stammbuch eines Thomaners: Johannes Christianus Heuckenrottius aus Priesteblich (1740-1812), Verlag Edition T. Schausfussi, Berlin 2013, ISBN 978-3000427428. Mit einem Geleitwort von Manuel Bärwald (Bach-Archiv Leipzig).
  • Alfred Jentzsch (Hrsg.): Aus der Geschichte der Thomasschule in alter und neuer Zeit. Festschrift zum 725jährigen Schuljubiläum. Teubner, Leipzig 1937.
  • Heinrich Lehmann: Die Thomaner auf Reisen. Breitkopf & Härtel, Leipzig 1937.
  • Horst List: Aus der Geschichte des Thomanerchores. Thomanerchor, Leipzig 1953.
  • Lenka von Koerber: „Wir singen Bach“ - Der Thomanerchor und sein Kantor. Verlag Neues Leben, Berlin 1954.[15][16]
  • Horst List: Auf Konzertreise. Ein Buch von den Reisen des Leipziger Thomanerchores. Reich, Hamburg-Bergstedt 1957.
  • Richard Petzoldt: Der Leipziger Thomanerchor. Edition Leipzig, Leipzig 1962.
  • Bernhard Knick: St. Thomas zu Leipzig. Schule und Chor. Stätte des Wirkens von Johann Sebastian Bach. Bilder und Dokumente zur Geschichte der Thomasschule und des Thomanerchores mit ihren zeitgeschichtlichen Beziehungen. Mit einer Einführung von Manfred Mezger. Breitkopf & Härtel, Wiesbaden 1963.
  • Eduard Crass: Die Thomaner. Kommentierter Bildbericht über ihre 750jährige Geschichte 1212–1962. VEB Verlag Enzyklopädie, Leipzig 1962.
  • Hans-Jochim Rothe: Thomanerchor zu Leipzig, Deutsche Demokratische Republik. Thomanerchor, Leipzig 1968.
  • Horst List: Der Thomanerchor zu Leipzig. Deutscher Verlag für Musik, Leipzig 1975.
  • Armin Schneiderheinze: Der Thomanerchor zu Leipzig. Thomanerchor, Leipzig 1982.
  • Wolfgang Hanke: Die Thomaner. Union-Verlag, Berlin 1985. (Erstauflage 1979)
  • Stefan Altner, Roland Weise: Thomanerchor Leipzig. Almanach 1. 1996, ISBN 3-98-043131-2.
  • Gunter Hempel: Episoden um die Thomaskirche und die Thomaner. Tauchaer Verlag, Taucha 1997, ISBN 3-910074-67-7.
  • Michael Fuchs: Methoden der Frühdiagnostik des Eintrittszeitpunktes der Mutation bei Knabenstimmen. Untersuchungen bei Sängern des Thomanerchores Leipzig. 1997.
  • Stefan Altner: Thomanerchor und Thomaskirche. Historisches und Gegenwärtiges in Bildern. Tauchaer Verlag, Taucha 1998, ISBN 3-910074-84-7.
  • Georg Christoph Biller, Stefan Altner: Thomaneralmanach 4. Beiträge zur Geschichte und Gegenwart des Thomanerchors. Passage-Verlag, Leipzig 2000, ISBN 3-932900-33-2.
  • Gert Mothes, Siegfried Stadler: Die Thomaner. Passage-Verlag, Leipzig 2004, ISBN 3-932900-91-X.
  • Stefan Altner: Das Thomaskantorat im 19. Jahrhundert. Bewerber und Kandidaten für das Leipziger Thomaskantorat in den Jahren 1842 bis 1918. Quellenstudien zur Entwicklung des Thomaskantorats und des Thomanerchors vom Wegfall der öffentlichen Singumgänge 1837 bis zur ersten Auslandsreise 1920. Passage-Verlag, Leipzig 2006, ISBN 3-938543-15-9.
  • Helga Mauersberger (Hrsg.): Dresdner Kreuzchor und Thomanerchor Leipzig. Zwei Kantoren und ihre Zeit. Rudolf und Erhard Mauersberger. Druck- und Verlagsgesellschaft Marienberg, Marienberg 2007, ISBN 978-3-931770-46-4.
  • Stefan Altner: Die Thomana und die Universität Leipzig. Über die Anfänge einer seit 600 Jahren verknüpften Geschichte. In: Eszter Fontana (Hrsg.): 600 Jahre Musik an der Universität Leipzig. Studien anlässlich des Jubiläums. Verlag Janos Stekovics, Wettin-Löbejün 2010, ISBN 978-3-89923-245-5.
  • Stefan Altner, Martin Petzoldt (Hrsg.): 800 Jahre Thomana. Glauben – Singen – Lernen. Festschrift zum Jubiläum von Thomaskirche, Thomanerchor, Thomasschule. Verlag Janos Stekovics, Wettin-Löbejün 2012, ISBN 978-3-89923-238-7.
  • Michael Maul: „Dero berühmter Chor“. Die Leipziger Thomasschule und ihre Kantoren 1212–1804. Lehmstedt, Leipzig 2012, ISBN 978-3-942473-24-8.
  • Doris Mundus: 800 Jahre Thomana. Bilder zur Geschichte von Thomaskirche, Thomasschule und Thomanerchor. Zur Ausstellung Stadtgeschichtliches Museum Leipzig, 20. März bis 17. Juni 2012. Lehmstedt, Leipzig 2012, ISBN 978-3-942473-21-7.

Weblinks Bearbeiten

Einzelnachweise Bearbeiten

  1. Andrew Parrot: Bachs Chor - zum neuen Verständnis. Baerenreiter - Metzler 2000
  2. Arnold Schering: Johann Sebastian Bachs Leipziger Kirchenmusik.
  3. Leipziger Volkszeitung: „Wir Salzburger geben unseren Thomaskantor nicht wieder her“. In Leipzig wegen Stasi-Tätigkeit vor sieben Jahren gefeuert – in Österreich am Mozarteum gefeiert; Interview mit Hans-Joachim Rotzsch; Ausgabe vom 4. Juni 1998
  4. Pressemitteilung der Kultusministerkonferenz
  5. Preis der Europäischen Kirchenmusik 2014 geht an den Thomanerchor Leipzig. (Memento vom 16. August 2014 im Internet Archive)
  6. Echo Klassik, Preisträger 2012 (Memento vom 25. November 2012 im Internet Archive)
  7. Presse Club Hannover: Leibniz-Ring-Hannover 2012. Pressemitteilung vom 25. Mai 2012, abgerufen am 7. Oktober 2015
  8. Pressemeldung der Stadt Leipzig vom 24. September 2012
  9. Royal Academy of Music: [1]
  10. Royal Academy of Music (Wikipedia)
  11. Deutsche Welle: Brahmspreis für Thomanerchor Leipzig
  12. Gewinner Echo Klassik 2002
  13. thomaner-derfilm.de
  14. http://www.matthias-film.de/filme/paul-gerhardt-geh-aus-mein-herz/
  15. DNB 574392262
  16. DNB 452503159


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