FANDOM


Fairytale package multimedia Portal:MusikÜbersicht zum Thema Musik


Robert Vorstheim (* 19. Februar 1904 in Essen; † 11. September 1973 in Gronau) war ein deutscher Musiker und Dirigent.

Leben Bearbeiten

Stummfilmpianist und Tanzmusiker in der Weimarer Republik Bearbeiten

Vorstheim wurde am 19. Februar 1904 in Essen geboren. Er plante zunächst Lehrer zu werden, besuchte die Präparandie, perfektionierte dann aber seine musikalische Ausbildung und bewarb sich 1924 als Stummfilmpianist bei den „Westfälischen Lichtspielen“ (heute: Cinetech Erlebniskino) in Gronau. Der Geschäftsbrief vom 8. Dezember 1924 befindet sich noch in Familienbesitz. [1]

Vorstheim wurde auch in der niederländischen Nachbarstadt Enschede engagiert. Knapp zehn Jahre lang verdiente er sich Geld als „Valuta-Musiker“[2]: Nach Vorstheims Worten konnte man in Deutschland in den 1920er Jahren für holländische Gulden „den Teufel tanzen sehen“[3]. Der früheste Beleg für seine musikalische Tätigkeit stammt aus dem Jahr 1925. [4].Ein nicht näher bezeichnetes Foto des Enscheder Fotografen Heupers zeigt ihn außerdem als Pianisten einer neunköpfigen, traditionellen Tanzkapelle (drei Geigen, zwei Celli, Kontrabass, Klavier, zwei Klarinetten).[5]

Im Jahr 1928 war Vorstheim der Pianist der „Volkspark Black and White Band“[6], einem vierköpfigen Ensemble mit Klavier, Schlagzeug, Geige und Saxofon. Auffällig war einerseits der farbige Schlagzeuger, außerdem die überdimensionalen Megafone. Die Bemalung des Schlagzeugs spielte durch den Vornamen „Jimmy“ auch auf den US-amerikanischen Modetanz "Shimmy" an. Vergleiche mit zeitgenössischen Fotos zeigen internationale Gemeinsamkeiten bzw. die regionale Rezeption amerikanischer Tanz- und Jazzmusik. Anfang der 1930er Jahre trat Robert Vorstheim mit dem Geiger Hermann Drost und einem Schlagzeuger auf, u.a. im Hotel Horstmöller in Gronau (heute: Villa Langenberg) bzw. im Café Central in Enschede/NL.[7]

Um 1929 erfolgte in den Häusern der „Westfälischen Lichtspiele“ die Umstellung zum Tonfilm, Vorstheim verlor damit seinen Haupterwerb. Er fand eine zusätzliche finanzielle Absicherung als Textilarbeiter (später als Bürokraft) bei der Firma M. van Delden & Co. in Gronau (Westfalen).[8]

Berufliche und familiäre Situation im nationalsozialistischen Deutschland Bearbeiten

Seine Heirat mit Anna Steinmann, die aus einer jüdischen Familie stammte, aber zum katholischen Glauben konvertiert war, führte im nationalsozialistischen Deutschland zu beruflichen und familiären Schwierigkeiten.[9] Laut nationalsozialistischer Rassenlehre kam dem Ehepaar Vorstheim und seinen drei Kinder nun der Status einer „privilegierten Familie“ zu. Erinnerungen an Diskriminierungen Anne Vorstheims in Gronau, außerdem an die Schwierigkeiten Robert Vorstheims, zur Reichskulturkammer zugelassen zu werden, wurden in der Familie mündlich tradiert.

Ein Foto belegt aber weitere Engagements in Enschede, außerhalb des Einflussbereichs der nationalsozialistischen Diktatur: Vorstheim trat mit den beliebten „Sound Mixers“ auf.[10] Mit dem Einmarsch der Wehrmacht in den Niederlanden zerschlugen sich die Pläne Vorstheims, mit seiner Familie in das Nachbarland überzusiedeln. Um seine Frau und seine drei Kinder zu schützen, meldete er sich zu Wehrmacht. Ab Juni 1944 galt Vorstheim als gefallen oder vermisst, tatsächlich geriet er aber in russische Kriegsgefangenschaft. Auch in der Gefangenschaft engagierte er sich als Musiker und wurde erst als Spätheimkehrer entlassen.

In Gronau wurde Anne Vorstheim am 14. September 1944[11] verhaftet und musste zunächst Zwangsarbeit in Kassel leisten. Von dem Transport nach Auschwitz konnte sie fliehen. Ihre Kinder wurden zwischenzeitlich versteckt.

Zweite Karriere in der frühen Bundesrepublik Bearbeiten

Erst 1948 war die Familie wieder vereint, Robert Vorstheim nahm seine Arbeit bei Firma M. van Delden wieder auf. Kontakte in die Niederlande wurden nun durch strikte Grenzregelungen erschwert. Als erfahrener Musiker (und ehemaliger Jazzer) genoss Vorstheim weiterhin große Achtung. Ende September 1949 gewann Vorstheim den Gronauer Tanzkapellenwettstreit.[12] Ein Foto aus der „Skala“ (Bentheimer Straße, Gronau) zeigt ihn als Pianist der Kapelle Heinz Nickel[13].

Von 1951 bis 1967 war er Dirigent des Delden-Chors, des Werkschors der Textilfabrik M. van Delden & Co., seinem langjährigen Arbeitgeber. [14]

Das kleinstädtische Musikleben der Adenauer-Ära wurde nun von klassischer Musik und Männerchören dominiert. Robert Vorstheims Hauptaufgabe war nun die musikalische Förderung von Textilarbeitern. Außerdem engagierte er sich im Betriebsrat. Von 1955 bis 1958 leitete er auch den Männergesangverein Epe. Am 11. September 1973 starb Robert Vorstheim in Gronau.[15]

Ehrungen Bearbeiten

Ein Porträt von Robert Vorstheim findet sich seit dem 28. Oktober 2006 auf dem „Gronauer Wall“ (Bürgerhalle Gronau, Spinnereistr. 20, 48599 Gronau). Seit dem 28. Dezember 2018 wird im Drilandmuseum Gronau (Bahnhofstr. 6, 48599 Gronau) unter dem Titel „Von Republik zu Republik: Aus dem Leben des Musikers Robert Vorstheim“ eine Ausstellung über den Musiker gezeigt.[16]

Literatur Bearbeiten

  • Norbert Diekmann: „Hat des Sabbats wegen die Unterschrift verweigert." Zur Geschichte der jüdischen Gemeinden in Gronau und Epe, Gronau 1999, S. 125–127.
  • Alfred Hagemann: Robert Vorstheim. In: Alfred Hagemann, Elmar Hoff (Hrsg.): „Insel der Träume". Musik in Gronau und Enschede 1895‐2005, Essen 2006, S. 129–134.
  • Alfred Hagemann: Robert Vorstheim und der Hot Dance. In: In: Jahrbuch des Kreises Borken 2019, Borken 2018, S. 299–302.
  • Gerard Lage Venterink: „Hard and hot“ in de zomer van 1928. In: Tubantia, 16.02.2016, S. 14–15.
  • Jochem Vorstheim: Mit Judenkindern spielt man nicht. Mit Judenkindern spricht man nicht. In: Hanspeter Dickel (Hrsg.): Bürgerbuch 1998/99, Gronau 1998, S. 256–261.

Einzelnachweise Bearbeiten

  1. Westfälische Lichtspiele, Gronau i.W. 08.12.1924.
  2. Zum Phänomen der „Valuta-Musiker“ in den Niederlanden vgl. Lelieveldt, Ph.: Voor en achter het voetlicht. Musici en de arbeidsverhoudingen in het kunst- en amusementsbedrijf in Nederland, 1918-1940, Proefschrift Universiteit Utrecht, 1998, S. 176ff.
  3. Erinnerung Jochem Vostheim, in: Hagemann/Hoff, S. 129.
  4. Bescheinigung von Restaurantbetreiber A. Mulstege, 20.08.1925; wie ein Plakat belegt, begleitete Vorstheim am 15.10.1927 den „Enschedesche Mandolineclub ’Ons genoegen’“ (Sammlung Vorstheim).
  5. Foto: Fotografisch Atelier Bern. Heupers, Oldenzaalschestraat 49, Enschede; Sammlung Vorstheim.
  6. Tubantia, 22.06.1928.
  7. Anzeige in den Gronauer Nachrichten, 24.01.1930, 22.11.1932, Foto aus der Sammlung Vorstheim, o.J.
  8. Vgl. Foto aus dem Spinnerei der Firma M. van Delden, o.J., Sammlung Vorstheim.
  9. Diekmann, S. 125-126
  10. Zeitungsanzeigen in der „Tubantia“ erwähnen als Auftrittsorte der „Sound Mixers“ u.a. die Lokalitäten „Volkspark“, „Groote Societeit“ und „De Vluchte“; u.a. Anzeige in Tubantia/ Twentsche Courant, 14.02.1941.
  11. Jochem Vorstheim, S. 256.
  12. Westfälische Nachrichten, 24.09.1949.
  13. Kapelle Heinz Nickel, o.J., Sammlung Vorstheim.
  14. Vgl.  H. W. Krahwinkel: 10 Jahre Deldenchor. Werden und Wesen des Deldenchors. In: Deldenbote, Juni 1961, S. 10.
  15. Westfälische Nachrichten, 15.09.1973.
  16. Westfälische Nachrichten, 31.12.2018.


Info Sign Dieser Wikipedia-Artikel wurde, gemäß GFDL, CC-by-sa mit der kompletten Versionsgeschichte importiert.

Nutzung von Community-Inhalten gemäß CC-BY-SA , sofern nicht anders angegeben.