Nationalismus (frz. nationalisme), Substantiv, Maskulinum. Einst Ausdruck eines auf die Nation und auf die Errichtung eines nationalen Staates gerichteten Bewusstseins (Nationalbewusstsein, Nationalstaat), heute Ausdruck eines übersteigerten Chauvinismus, der ethnisch (Ethnonationalismus), sprachlich (Sprachnationalismus) und kulturell (Kulturnationalismus) verstanden werden kann.
Heute wird unter diesem Begriff das Bestreben eines Volkes verstanden, das sich selbst als „Nation“ versteht, dass sich zu einem eigenen Staat zu vereinigen will und sich unter Umständen aus der Kolonialherrschaft und/oder aus dem Rahmen eines Vielvölkerstaates herauslösen will. Diese Bestrebung ist auch als „Befreiungsnationalismus“ bekannt.
Arten[]
Nationalismen können in Teilbereiche gegliedert werden, wobei Teilüberschneidungen nicht unüblich sind odernicht ausgeschlossen werden können.
Chauvinismus[]
Unter dem Begriff „Chauvinismus“ begreift man heute einen engstirnigen Nationalismus, der die eigene Nation überbetont und sich über andere Nationen, Ethnien und/oder nationalen sowie ethnischen Minderheiten stellt. Sein Kerngedanke ist, dass sich andere seinem Nationalbewusstsein bedingungslos unterzuordnen hätten, da sie „minderwertige Kulturen“ darstellten. Ziel war und ist die Assimilierung dieser Minderheiten.
Ethnonationalismus[]
Unter dem Begriff „Ethnonationalismus“ (auch „ethnischer Nationalismus“) versteht man eine Gemeinschaft von Menschen, die sich über das „Volk“, das heißt über die Abstammung, Sprache und Kultur, definiert. Heute auch als „Ethnopluralismus“ bekannt. Der im deutschsprachigen Raum vorherrschende Ethnonationalismus ging als „Völkischer Nationalismus“ in die Literatur ein. (→ Rassenfrage, Abstammungsgemeinschaft)
Sprachnationalismus[]
Unter dem Begriff „Sprachnationalismus“ versteht man jene Ideologie, die sich auf sprachliche Zusammengehörigkeit begründet. So bildeten im 19. Jahrhundert die Deutschsprachigen Europas und in Übersee das „Deutsche Volk“, unabhängig von der jeweiligen Staatsangehörigkeit. Bis zum Aufkommen der Völkischen Bewegung (Alldeutsche Bewegung in Österreich-Ungarn) konnten sich auch assimilierte Juden zur Deutschen Nation rechnen.
Kulturnationalismus[]
Unter dem Begriff „Kulturnation“ verstand man Anfang des 20. Jahrhunderts das kulturelle Zusammengehörigkeitsgefühl. Im Deutschland des ausgehenden 19. Jahrhunderts wurde der Begriffe„Kulturnation“ eingeführt, um deutschsprachige und assimilierte Juden auszugrenzen, da deren Kultur traditionelle „orientalisch“ und damit „undeutsch“ war.
Sprach- und Kulturnationalismus[]
Unter dem Begriff „Sprach- und Kulturnation“ versteht man eine Gemeinschaft von Menschen, die übernational, das heißt in verschiedenen Staaten leben, sich aber durch gemeinsame Sprache und Kulturwerte als zusammengehörig empfinden. So auch die arabischen Völker in Nordafrika und im vorderen Orient oder die Turkvölker in Südosteuropa, Anatolien, Zentralasien und Sibirien, die ihre Einzelsprachen als „Dialekte“ einer einzigen türkischen Sprache empfinden.
Befreiungsnationalismus[]
Unter dem Begriff „Befreiungsnationalismus“ versteht man das Bestreben eines oder mehrere Völker, sich von der Kolonialherrschaft zu befreien. Sie empfinden sich im Bezug auf die gemeinsame Kolonialgeschichte als zusammengehörig, auch wenn sie unterschiedlichen Sprach- und Kulturkreisen entspringen.
Staatsnationalismus / Willensnationalismus[]
Unter dem Begriff „Staatsnationalismus“ oder „Willensnationalismus“ versteht man den politischen Willen der Bevölkerung, unabhängig von der jeweiligen Abstammung, Sprache oder Kultur sowie Religionen einem gemeinsamen Staat leben zu wollen. Klassische Staatsnationen stellen hier die Schweiz (vier unterschiedliche Volksgruppen) und die USA dar.
Zeitalter des Nationalismus[]
Das 18. und 19. Jahrhundert gelten als das „Zeitalter des Nationalismus“ und hat seinen Ursprung in der französischen Revolution, welche die „Grande nation“ erschuf. „Franzose“ war, wer in Frankreich geboren wurde und sich zu den Zielen der Revolutionäre bekannte; Abstammung und Sprache der Betroffenen waren unerheblich.
Auffallend ist, dass bis auf den Staats- bzw. Willensnationalismus sich alle Nationalismen als überstaatlich, das heißt, sich an keine Staatsgrenze gebunden fühlend, definieren.
Der deutsche und russische Nationalismus definiert sich bis heute als „Sprach- und Kulturnation“. Das heißt, um „Deutscher“ oder „Russe“ zu sein, müssen sich die Betroffenen in ihren Siedlungsgebieten offen zur deutschen oder russischen „Nationalsprache“ und zur deutschen bzw. russischen „Nationalkultur“ bekennen und diese nach außen hin auch vertreten.