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Der Jüdische Kulturverein Berlin e.V. (Abkürzung JKV) hat von 1989 bis 2009 Jüdinnen und Juden, sowie Menschen die aus jüdischen Familien stammen, mit der von vielen vergessenen Kultur, Religion und Geschichte der Juden in Deutschland vertraut gemacht. Er hat dabei oft verdrängte Erinnerungen geweckt. Er vermittelte einen Zugang und Handlungsoptionen zum aktuellem Geschehen und zur internationalen Vernetzung. Durch gesellschaftliches und politisches Engagement hatte der Verein eine breite Wirkung.

Der Verein wird 2010 wegen Überlastung aufgelöst. Zum Ausklang des JKV förderte die Rosa-Luxemburg-Stiftung ab Sommer 2008 ein Buchprojekt mit dem Arbeitstitel: „Der Jüdische Kulturverein Berlin – 20 Jahre neu gewonnene jüdische Identität.“ Das Buch erschien im Oktober 2009 mit dem Titel [1]: „WIR – Der Jüdische Kulturverein e. V. 1989 – 2009“.

GeschichteBearbeiten

Am 22. Januar 1990 wurde der „Jüdische Kulturverein Berlin e.V.“ (Abkürzung JKV) gegründet, der sich von Anfang an als eine Ergänzung zur Jüdischen Gemeinde verstand. Entsprechend der veränderten Rechtssituation wurde der Verein am 4. Mai 1990 in Ostberlin (noch DDR) und am 27. September 1991, also nach der deutschen Einheit, beim Amtsgericht Charlottenburg registriert. Die Auflösung des Vereins, wegen Überlastung und fehlender Finanzmittel, ist für 2010 vorgesehen.

Der JKV hatte sich aus einer jüdischen Gruppe „Wir für uns - Juden für Juden“ heraus entwickelt, die sich 1986 im Rahmen der Ostberliner Jüdischen Gemeinde gebildet hatte. Hier trafen sich Jüdinnen und Juden, Überlebende jüdischer Herkunft, ehemalige Emigranten, Widerstandskämpfer und ihre erwachsenen Kinder, darunter viele Wissenschaftler und Kulturschaffende, die zumeist der Religionsgemeinde nicht angehörten. Ein jüdisches Elternteil begründete die Zugehörigkeit.

Aus dieser jüdischen Ostberliner Kulturnische wurde mit dem JKV im Verlauf der Jahre eine stabile jüdische Einrichtung, die dem Muster eines US-amerikanischen JCC (Jewish Community Center) folgte. Treibende Kraft war von Anfang bis Ende Irene Runge, sie war meistens 1. Vorsitzende des Vereins.

Seit September 1991 erschien monatlich die „Jüdische Korrespondenz“ [3] und [4] bis zur 165. und letzten Ausgabe im April 2006. Sie spiegelte die zahlreichen Veranstaltungen wieder, ebenso Informationen von Wissenschaftlern und Rabbinern zu jüdischen Themen wie die Halacha, Ereignisse wie Rosch Haschona und Jom Kippur, das Neujahrsfest der Bäume, die Megilla Ruth, Schawuot, Chanukka, die Mitzwot und Speisen zu Feiertagen wie Pessach. Historiker, Überlebende der Shoa, jüdische Schriftsteller und Publizisten kommentierten auch aktuelle Geschehnisse. Beispielsweise schrieb der Philosoph Jochanan Trilse-Finkelstein 150 Folgen zu: „Jeder Tag ein Gedenktag“; er war 1992 bis 2003 Vorstandsmitglied im JKV.

Der JKV hatte sich als säkulare jüdische Organisation der Bewahrung des jüdischen Erbes verpflichtet, also von Religion, Kultur und jüdischer Tradition, der Aneignung und Verbreitung von Wissen über das Judentum, über die Diaspora und Israel, über jüdische und speziell europäisch- bzw. deutsch-jüdische Geschichte. Eine besondere Fürsorge galt den Überlebenden der Shoa und ihren Nachfahren. Es gab Hilfsaktionen für Zuwanderer, jüdische Gemeinden und Einzelpersonen in der früheren Sowjetunion, Ungarn, Rumänien, auch die Beschaffung von Medikamenten für Kuba. Gespräche und Veranstaltungen mit Vertretern anderer in Berlin lebender ethnischer Bevölkerungsgruppen gehörten zunehmend zum Vereinsalltag.

Integration von Juden aus der SowjetunionBearbeiten

Am Zentralen Runden Tisch der DDR forderte der JKV am 9. Februar 1990 angesichts der krisenhaften, von antisemitischen Ausfällen begleiteten Situation in der UdSSR von der amtierenden Regierung, jenen sowjetischen Juden, die es wünschten, den Daueraufenthalt in der DDR zu ermöglichen. Der einstimmige Beschluss des Runden Tisches und der nachfolgende Auftrag an die DDR-Regierung Modrow, die konsequente spätere Umsetzung dieses Beschlusses durch die Regierung de Maiziere, wurden zum Beginn einer jüdischen Einwanderung.

Inzwischen sind über 230 000 Menschen im jüdischen Anteil nach Deutschland gekommen, Menschen mit jüdischen Müttern und/oder Vätern und ihre auch nichtjüdischen Angehörigen ersten Grades aller Alters- und Bildungsstufen. Igor Chalmiev berichtet im Kapitel „Neue Heimatinsel Berlin“ ([1], S. 57-63) über die Schwierigkeiten bei der Ankunft der Juden aus der Sowjetunion in Berlin, über den mühsamen Umgang mit den deutschen und jüdischen Behörden und die ebenso sachkundige wie herzliche Unterstützung beim JKV: „Ganz anders habe ich damals den Jüdischen Kulturverein erlebt. Alle waren gesprächsbereit und haben mir geholfen ...“. Zum 31.12.2004 endete diese Möglichkeit und wurde von einem neuen Verfahren ersetzt, dass die jüdische Einwanderung faktisch beendet hat.

Mit aktiven Zuwanderern und Zuwanderinnen entwickelte sich eine Palette russisch-sprachiger Kultur- und Informationsveranstaltungen. Bis Ende 1998 erschien die „Jüdische Korrespondenz“ auch in russischer Sprache.

EngagementBearbeiten

Gegen Rassismus und Völkerverhetzung, Antisemitismus und Ausländerhass hat sich der JKV von Anbeginn öffentlich und ausdauernd positioniert, sowohl in Veranstaltungen als auch in Verlautbarungen. Diese Haltung ist eine Lehre nach und aus der Shoa, der einschneidendsten Katastrophe für das jüdische Volk. Auch darum steht die Botschaft „Erinnern = Leben“ auf der Fahne des Vereins. Eng war der Verein mit Organisationen der Holocaustüberlebenden und Widerstandskämpfer verbunden, denen auch viele Vereinsmitglieder angehören. Der JKV war präsent bei der ersten Anzeige gegen den Shoa-Leugner David Irving 1990, dem Protest gegen den rassistischen Terror in Rostock und Hoyerswerda, der Empörung über antisemitisch motivierte Brandsätze in Lübeck, der Fremdenangst in Gollwitz und dem Berliner Fußballrassismus, bis hin zur Aufforderung an die Medien, die Anmaßungen von Rechtspopulisten und die NPD- bzw. DVU-Präsenz nicht zu unterstützen. Antisemitische Äußerungen aus der Führung der russischen KP waren 1999 Anlass, besorgt an das Auswärtige Amt, das Bundesministerium des Inneren und alle Parteien zu appellieren. Fest in den Jahreskalender des JKV eingebunden waren Gedenkveranstaltungen zur Erinnerung an die »Fabrikaktion« vom 27. Februar 1943, an dem Novemberpogrom 1938, an die Befreiung vom Hitlerfaschismus am 8. Mai 1945 und den »Tag des Sieges« am 9. Mai, an die Ermordung von Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht im Januar 1919, das Gedenken am Jom Haschoa und die Beteiligung am Tag der Erinnerung und Mahnung im September.

Seit dem 11. September 2001 waren Treffen mit Vertretern von in Berlin ansässigen Migrantenvereinen und Organisationen und auch der gegenseitige Besuch an muslimischen bzw. jüdischen Feiertagen im Programm verankert. Der JKV war am 7. Mai 2004 Gründungsmitglied der Dachorganisation Migrationsrat Berlin-Brandenburg e.V., dem inzwischen 76 Organisationen angehören, die eine auf Migranten bezogene politische und sozial-kulturelle Arbeit leisten.

Religiöse und der Tradition verpflichtete Veranstaltungen, wie das seit Anbeginn gemeinsame Begehen jüdischer Feiertage und die fast 13 Jahre ausgeübte, doch seit Herbst 2003 aus Raum- und Kräftegründen eingestellte gemeinsame Begrüßung des Schabbat, richteten sich vor allem an Mitglieder des Vereins, jüdische Berliner und jüdische Berlinbesucher. Die Anwesenheit religiöser Persönlichkeiten wie Rabbiner Tsevi Weinman (Jerusalem), Rabbiner Herschel Glick (London), Rabbiner Heskiel Besser (New York), Rabbiner Shlomo Carlebach sel. A. (New York), sowie von Rabbinern und Yeshiwa-Bocherim der Chabad-Lubawitsch-Bewegung, und jüdischer Funktionäre aus aller Welt, prägte nicht nur an Festtagen die Vereinsgeschichte.

Gespräche und die Zusammenarbeit mit Vertretern der Berliner Jüdischen Gemeinde waren selbstverständlich. Der JKV steht seit seiner Gründung der Ronald S. Lauder Foundation nahe. In den ersten Jahren waren das Simon-Wiesenthal-Center Paris und das Europäisch-Jüdische Forum für die Vereinsentwicklung wesentlich. Der JOINT (Joint Distribution Committee, JDC - volle Bezeichnung: American Jewish Joint Distribution Committee) schickte aus Jerusalem die ersten russischsprachigen Lehrmaterialien, aus den USA und der Schweiz spendeten Einzelpersonen Gebetbücher und Hagadot. Viele Jahre trafen sich beim JKV die Child Survivors [1] die als jüdische Kinder den Völkermord an den Juden überlebt hatten. Eine neuere Aktivität sind die Stammtisch-Treffen englischsprachiger Juden – dabei viele Jüngere die in Berlin studieren oder zu Besuch sind – beim „Schmoozeday on Tuesday“, an einem Dienstag im Monat, organisiert durch Jeremy Woodruff, Kontakt über jeremy@neue-musikschule-berlin.de

Fast 4 000 öffentliche Einzelveranstaltungen in 20 Jahren, die vor allem jüdische Kultur, Lebensweise und Bildung vermittelten, waren für einen kleinen Verein eine hohe Leistung. Bei durchschnittlich 25 Besuchern hatten über 100 000 Menschen diese Veranstaltungen besucht. Nicht in dieser Zahl enthalten sind religiöse Zusammenkünfte, Feste, Beratungen, Workshops und Kurse, gerade auch für Neuzuwanderer.

Ein typisches Beispiel der Aktivitäten des JKV sind seine Workshops. Zusammen mit dem „AWO Begegnungszentrum Kreuzberg“ wurde z.B. das Arbeitstreffen „Interkulturelles Altern. ...“ veranstaltet und nachbereitet (2). Als Ausgangspunkt notierte Irene Runge in [2] Seite 9: „Als wir dieses Thema erdachten, erschien Deutschlands ausländer-politische und kultur-migrantische Lage noch einigermaßen übersichtlich. Es lebte sich bequem mit den bewährten Stereotypen vom Gegeneinander und dem Behaupten der Unverträglichkeit einzelner Kulturen. ...“ Sie skizzierte dann den damaligen Wandlungsprozess und nannte zusammen mit anderen Moderatoren des Workshops eine Fülle von akuten Problemen und konstruktiven Lösungsansätzen.

Die Namensliste der Referentinnen und Referenten und Gäste reicht von Israels Minister Josef Burg sel. A. über Israels Generalkonsule sowie Botschafter Schimon Stein zum Berliner CDU-Landesvorsitzenden und Bürgermeister von Berlin-Mitte Joachim Zeller, zu Schriftstellern und Künstlern wie Stefan Heym, Lea Rosh, Irmgard von zur Mühlen, Cilly Peiser, Markus Wolf, Josef Burg (Tschernowitz), Meir Faerber sel. A. (Israel), György Konrad, Eva Siao (Peking), Heinz Knobloch sel. A., Carola Stern, Rafael Seligmann, Imre Kertész und Christa Wolf, zu Politikern wie Günter Gaus, Hans Modrow, Lothar de Maiziere, Dr. Gregor Gysi, Barbara John, Wolfgang Thierse, Walter Laqueur (USA), Antje Vollmer, Heinz Fromm, dem Vorsitzenden vom Zentralrat Deutscher Sinti und Roma Romani Rose, zu Wissenschaftlern aus aller Welt, darunter die Professoren John Stachel und George L. Mosse (USA), Oberst a.D. Efim Brodsky (Moskau), Prof. Julius H. Schoeps, der Historiker Theodor Bergmann, die Rabbiner Dr. Andreas Nachama und Dr. Walter Homolka sowie Dr. Arnold Paucker (London), zu unzähligen Diskutanten und Zeitzeugen, aus dem jüdischen und nichtjüdischen Überleben und Widerstand. Nicht wenige sind inzwischen verstorben. Berlins Regierender Bürgermeister Wowereit tanzte 2003 auf dem Chanukkafest des Vereins, Senatoren seiner Regierung standen in Diskussionen Rede und Antwort.

Der JKV hat stets unter einem Mangel an Finanzmitteln gelitten, er hat niemals eine eigene institutionelle Finanzierung durch öffentliche Institutionen erreicht. Viele Jahre hat der Vorstand, mit RA Andreas Poetke als Schatzmeister, dennoch die Voraussetzungen für zahlreiche Aktivitäten geschaffen. So hat der JKV mit einer Finanzierung durch Mitgliedsbeiträge, Spenden und akquirierte Projektmittel eine Menge für andere Personen und Institutionen bewegt. Zugleich konnten, aus dem Impuls von eigenen, improvisierten Projekten des JKV heraus, sich in der Folge Institutionen etablieren, etwa eine Klezmer-Musikschule und eine Sprachschule für Einwanderer. So konnten angedrohte Sparmaßnahmen bei NS-Opferrenten durch Initiative des JKV abgewendet werden.

Der Verein hat mit einer Fülle von Aktionen zum gesellschaftlichen Leben beigetra-gen. Er hat politisch Vieles bewegt, indem er sich klar zu „heißen Eisen“ positionierte, so zur sozialen Lage der Überlebenden des Holocaust, zur Einreise von Juden aus der ehemaligen Sowjetunion, zur „rechtsstaatlich“ begründeten Duldsamkeit gegen-über Neonazis und Antisemitismus, zur Integrations- und Migrationspolitik, zum Holocaustdenkmal der Stelen, zur Politik Israels.

VorstandBearbeiten

Ein ehrenamtlicher Vorstand, zunächst Sprecherrat genannt, leitete den JKV. Er wurde im Abstand von zwei Jahren durch die Mitglieder gewählt. Der Vorstand bestimmte den Ersten und Zweiten Vorsitzenden und den Schatzmeister. Den Geschäftsführenden Vorstand bildeten zuletzt Dr. Irene Runge (1. Vorsitzende), Johann Colden (2. Vorsitzender), Andreas Poetke (Schatzmeister), Ralf Bachmann und Andrée Fischer-Marum fungierten als Beisitzer.

Die ehrenamtlich tätigen Mitglieder, insbesondere im Vorstand, waren chronisch überlastet, und ein Mangel an jüngeren aktiven Mitgliedern wurde angesichts der geringen Zahl von Jüdinnen und Juden in Berlin nicht überwunden. Mitte der 90er Jahre hatte der JKV mehrere Hundert Mitglieder. Im Oktober 2009 hatte der JKV nur noch 105 Mitglieder, 82% waren über 60 Jahre alt. Deshalb hat eine Mitgliederversammlung am 14. Oktober 2009 eine Satzungsänderung beschlossen, mit dem erklärten Ziel, den Verein in 2010 aufzulösen. Der Liquidator muss noch bestimmt werden. Während der Zeitspanne der Liquidation wird der JKV noch teilweise erreichbar sein unter:

Literatur, Einzelnachweise und WeblinksBearbeiten

(1) Die Aktivitäten des Vereins wurden 2009 in einem Buch zusammenfassend dargestellt: Ralf Bachmann und Irene Runge (Hrsg.): WIR – Der Jüdische Kulturverein e. V. 1989 - 2009., Wellhöfer Verlag Mannheim, Oktober 2009. ISBN 978-3-939540-43-4

(2) JKV(Hrsg.): Workshop „Interkulturelles Altern. Eine Herausforderung an die Zukunft. ‚Wellness’ im Kiez? Das Umfeld als soziales Netzwerk – Medienbilder – Von der Schwierigkeit positiver Berichterstattung über die Alten.“ April 2005, 46 Seiten

(3) http://www.juden-in-berlin.de/juedischer-kulturverein/korrespondenz/jkv-pdf/ mit Exemplaren des Monatsblattes vom JKV: Jüdische Korrespondenz., welche bis April 2006 erschienen waren.

(4) http://www.juden-in-berlin.de/juedischer-kulturverein/korrespondenz/jkv-pdf/jkv-15jahre.pdf mit einem Beitrag 15 Jahre JKV., von Irene Runge über die Geschichte des JKV bis 2004

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